Datum Letzte Änderung:
1. Dezember 2017,  10:50


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ASH - die ersten Jahre Krebsmühle
Die krebsmÜhle: ERST MAL FINDEN! kriegen? WIRKLICH WOLLEN?
 
Wir wir auf die Krebsmühle kamen, ist mir nicht mehr bewußt. Wir müssen auf unseren LKW-Touren wohl des öfteren daran vorbei gefahren sein, nie aber war uns aufgefallen, dass das Gelände nicht bewohnt war. Irgendjemand brachte abends nebenbei die Rede auf das Gelände, meinte aber gleich, das sei viel zur groß, könnten wir uns im Leben nicht leisten. Aber ein Versuch kann nicht schaden. So haben wir den Besitzer festgestellt und mit der Anwaltsfirma, die uns genannt wurde, brieflich Kontakt aufgenommen. Ob mit dem Gelände etwas Bestimmtes vorgesehen sei, wir wären an Pacht, Miete oder Kauf interessiert. Dazu muß man wissen, dass wir damals, nach der Makler-Auszahlung, bei einem Monatsumsatz von knapp 20.000 DM keine müde Mark mehr „auf der hohen Kante" hatten.
 
 
 
Die Krebsmühle von der Frankfurter Landstraße (heute Rosa-Luxemburg-Straße) aus gesehen zum Zeitpunkt der Übernahme (der Mühlengiebel ist schon weiß grundiert und wartet auf die Werbung, die dort angebracht werden soll).
Groß die Aufregung also, als dann tatsächlich Antwort kam: ja, man sei durchaus daran interessiert, in's Geschäft zu kommen. Sowohl Miete, aber auch Pacht oder Kauf sei möglich. Ein Termin wurde vereinbart. Die beiden am seriösesten Aussehenden wurden entsprechend ausstaffiert. Der Treffpunkt wurde von der Schuhfabrik, unserem real existierenden Schmutzdomizil, soweit wie möglich entfernt festgelegt. Und dann war der Termin und unsere „Delegierten" fuhren zum Treffpunkt, und kamen zurück, und damit schien die Seifenblase wieder mal geplatzt. Verhandlungsmasse lag auf dem Tisch: Mietpreis 18.000.- DM per Monat, Kaufpreis 2.200.000- DM, Mietkauf möglich, Mietkaufrate 17.000.- DM. Unmöglich. Viel zu teuer. Schöner Traum. Scheiße halt.
 
 

Die Krebsmühle
von der anderen Seite (Hofansicht,
von einem Baum herunter fotografiert) zum Zeitpunkt der Übernahme (schon mit dem ersten neuen Anstrich - von vielen, die noch kommen sollten).

 
Aber es läßt einen ja nicht los. Gegenangebot: die Firma ist noch jung, kann im Moment das Geld für Miete oder Mietkauf nicht aufbringen, könnte aber für billigeres Geld zunächst mal pachten und als Entschädigung alles in Ordnung halten. Und das Unwahrscheinliche geschieht: es kommt zu einem zweiten Termin, bei dem ein Vertrag über eine Pachtsumme von 7.000.- DM mit einjähriger Laufzeit angeboten wird. Jawohl, die Option für den Mietkauf auf der Grundlage der genannten Konditionen könne in den Vertrag aufgenommen werden.
 
 
 
Etwa zur gleichen Zeit: Blick auf die obere Hofeinfahrt und den Garten (fotografiert aus dem obersten Stock des Mühlengebäudes).
Da saßen wir nun also und redeten uns die Köpfe heiß. Nein, einfach haben wir es uns nicht gemacht. Die Vernünftigen argumentierten mit den Tonnen an Brotmaschinen, die für teures Geld erst mal aus dem Gebäude rausgeschafft werden müßten, bevor man es in irgendeiner Form nutzen könne. Teilweise seien die Gebäude Ruinen. Dann die 7.000.- Märker monatlich. Die notwendige Renovierung. Und und und. Wir waren ja in der Tat gerade erst fürchterlich aufgelaufen - wer konnte denn sicher sagen, dass in dieser Geschichte nicht auch irgendwo das dicke Ende hinterher kommen würde.
Hier endet der bisher zitierte Originaltext.

Für die zeitnahe Beschreibung wird im Folgenden auszugsweise der Text der rechts abgebildeten, 1983 entstandenen Broschüre '8 Jahre Betriebe in Selbstverwaltung' verwendet. Die gesamte Broschüre, deren Text als Zeitdokument 1983 ungekürzt in der Frankfurter Rundschau abgedruckt wurde, ist hier als .pdf-Datei hinterlegt und kann durch Klicken auf die Abbildung heruntergeladen werden (74 Seiten, ca. 11,5 MB)

 
 
 
Geldnot und SachzwÄnge
 
ZUM VERGRÖSSERN HIER KLICKEN!

Aus der Einleitung, mit Bezug auf diese alte Luftaufnahme des Geländes:

"Das ist sie, die Krebsmühle, ein massiver Gebäudekomplex mitten in der von Straßen und Autobahnen zerschnittenen Rest-"Landschaft" zwischen Frankfurt und Oberursel. Bis vor 5 Jahren verlassen, teils schon Ruine, teils auf dem Weg dorthin, von einem einsamen "Hausmeister" gegen Nutzung geschützt, aufgegeben, zum Abriß bestimmt. Seither Wohn- und Arbeitsstätte der Arbeiterselbsthilfe, unser Zuhause und unsere Basis, geliebt, gehasst und verflucht, Gegenstand unserer Albträume und Vehikel unserer Selbstverwirklichung. Die Krebsmühle: seit 5 Jahren Mittelpunkt unserer Überlegungen und Strategien, unserer Wünsche und Hoffnungen, aber auch unserer Selbstüberforderung und unserer Ausflipps.
Es ist wieder sehr lebendig geworden in dem alten Gemäuer, mit allen Widersprüchen, die Leben bedeuten: Schlamm und Kälte und Gerümpel und Baustelle und warmes Kaminfeuer und wieder eine schöne Idee für die Umgestaltung und Beziehungskonflikt und Geld reicht nicht und dies und das und möglichst alles gleichzeitig. Das sind Dinge, die uns in Spannung halten, die uns weitertreiben, alles Sachen, die nicht auf den ersten Blick zu sehen sind und schon garnicht aus der Vogelperspektive . . ."

Wir waren so voller Mißtrauen gewesen bis zum Schluß, daß wir nur ganz zögernd Besitz ergriffen. Und dann war der Ort objektiv zwar eine Ruine, eine heruntergekommene Brotfabrik, wirkte aber in seiner ruhigen Verlassenheit, von Natur überwachsen, mit seinem hochaufragenden Backsteinturm, den tiefgeduckten Flachbauten, den alten Pappeln und Tannen irgendwie unnahbar, unberührbar. Es war der Beginn einer Liebesgeschichte, einer respektvollen Liebe, denn die alte Dame gibt sich manchmal reichlich spröde, reagiert mit durchgefaulten Balken, tropfenden Dächern, verstopften Abflüssen und ähnlichen „Liebesbeweisen”. Und es gab Zeiten, da haben wir sie sonstwohin gewünscht, Hochwasserzeiten z.B. oder so köstliche Situationen, wenn die für die Nutzungsänderung zuständigen Beamten erklären, der ganze Bau käme für die von uns vorgesehene und schon seit Jahren praktizierte Nutzung eigentlich überhaupt nicht in Frage und gehöre am besten abgerissen. Und uns dann einen seitenlangen Auflagenkatalog bescheren, dessen Realisierung uns mittlerweile zwar nicht mehr unmöglich erscheint, aber schon mehrere Hunderttausend hart erarbeitete Märker verschlungen hat und mit Sicherheit noch mal eine schöne Stange Geld kosten wird.
 
 
Die Kehrseite der Medaille: Das Mühlengebäude von der "Wetterseite" zum Zeitpunkt der Übernahme.
Weder Wasser noch Strom noch Heizung, ohne Fenster und jahrelang halb abgedeckt.
Man kann sich vorstellen, wie die Holzböden innen und die sie tragenden Balken ausgesehen haben . . .
 
Erste betriebliche Veränderungen bringen uns Erfolge –
und einen schlechten Ruf

Unsere romantische Ergriffenheit hat jedenfalls nicht mehr als zwei Wochen Zeit gehabt. Dann wurde uns schmerzlich bewußt, was es heißt, monatlich 7.000.- Mark Pacht aufzubringen, ganz schnell zu begreifen, daß sich das nur erwirtschaften läßt über umfangreiche und ganz dringend erforderliche weitgehende Umbaumaßnahmen und Umstrukturierung unserer Arbeit. Wir hatten uns – nach unserer ersten Hauskauf-Pleite – von Freunden 100.000.- Mark an Krediten zusammengebettelt. Wir mußten entsetzt mit ansehen, wie schnell das Geld ausgegeben war. Wir haben gesehen, wie unglaublich teuer schon die allernotwendigsten Reparaturen und Umbauten werden würden und es war sofort klar, daß es sich nicht lohnt, eine müde Mark in das Ganze zu investieren, wenn wir nicht schon jetzt den Entschluß faßten, das von uns herausgehandeite Mietkaufvorkaufsrecht zu nutzen, die Krebsmühle innerhalb der festgelegten Frist zu kaufen. Ein Jahr Zeit, unseren Betrieb, der bis zur Anmietung der Krebsmühle ca 20.000.- DM monatliche Gesamteinnahmen hatte, auf den ökonomischen Stand zu bringen, zusätzlich nämlich 20.000.- DM monatlich nur für die Mietkaufsumme aufzubringen.
 
 
 
Die stolzen Hausbesitzer mit ihrer LKW-Flotte. Am Giebel schon die Werbung und das neue ASH-Logo.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich vorzustellen, was das für uns bedeutet hat, in welchen Strudel von Sachzwängen und Notwendigkeiten uns das hineingetrieben hat. Freunde hatten vor dem Kauf gewarnt, schon vor der Anmietung, die Szene hat sich ereifert: jetzt sind die größenwahnsinnig geworden! Man hatte uns prophezeit, wir würden die Krebsmühle keine drei Monate lang halten können. Niemand aber machte sich die Mühe, uns zu erklären, wie wir sonst den drohenden inneren Zerfall der Gruppe hätten aufhalten sollen . . .
 
Ausbauarbeiten im Dachgeschoß der Mühle. Marode Balken und die gesamte Lage Fußbodenbretter werden entfernt. Im Zuge des Ausbaus werden Dachfenster (Gauben) eingebaut.
Aus der ökonomischen Krise half uns die Umstellung unserer Arbeit auf Restaurierung und den Verkauf von Antiquitäten und Bauernmöbeln. Dazu war nämlich die Krebsmühle mit ihrer Lage an einer der Hauptdurchgangsstraßen zum Sonntagsnachmittagsausflugsziel Taunus ausgezeichnet geeignet. Unser bisheriges Gewerbe, das Entrümpeln und der Verkauf von Gebrauchtmöbeln aber hatte, wie sich bei einer schlichten Rechenoperation herausstellte, noch nicht mal 5 Mark pro Stunde eingebracht. Das war in Wirklichkeit keine Entscheidung, sondern schlicht rettender Einfall in letzter Minute, jene Umstellung auf den „Antiquitätenhandel". Aber „Antiquitäten" in der Zahl, wie man sie für den notwendigen Umfang der Handelsereignisse braucht, kann man nicht entrümpeln, die muß man kaufen. Und der Kaufpreis hat notwendigerweise in der Kalkulation des Verkaufspreises eine gewichtige Position. Und so geschieht's, daß in der oben schon erwähnten Szene ein zweites Urteil gefällt wird: fortan sind wir nicht nur größenwahnsinnig, sondern zusätzlich Kleinkapitalisten und Geldscheffler.
Sind wir das?
Es gab Zeiten kurz vorm finanziellen Untergang, und das im Kontext jahrelanger ökonomischer Unsicherheit, immer mit der Angst im Unterbewußtsein: das ist nicht zu schaffen, das Ding ist einfach zu groß für uns. Schon der Umgang mit solch hohen Summen hat uns anfangs in Angst und Schrecken versetzt. Und dann war monatelang das Geld Problem Nummer 1. Kein Plenum, wo nicht stundenlang über Geld oder fehlende Werkzeuge debattiert worden wäre. Das waren Zeiten, in denen wir selbst unsicher geworden sind: schon fast kleinkrämerisch gehts laufend ums Geld und meine oder deine Werkzeuge und meine oder deine Arbeitsleistung und meine oder deine Verantwortung fürs Projekt - das Sein bestimmt angeblich das Bewußtsein: sind wir jetzt tatsächlich Kleinkrämer geworden?
 
Aus der Not geboren ist ein neuer Arbeitsbereich entstanden: Die Restaurierung und der Verkauf von Antiquitäten und Bauernmöbeln. Damit beschäftigen wir uns auch heute - 30 Jahre später - noch. Wenn auch ein gutes Stück professioneller.
Unser Ruf wird besser -
und wir lernen Herrn Stachanow kennen

Zwischen der Situation damals, in der das ungeliebte Geld Thema Nummer 1 war und der heutigen liegt ein weiter Weg, liegen gut drei Jahre härtester Arbeit. Viele Gruppenmitglieder haben diese Zeit nicht durchgehalten, wir sind wie die Verrückten den Mieten und explodierenden Kosten hinterhergerannt, die Szene hatte Grund für ein weiteres Urteil: jetzt waren wir zu allem anderen die „Gschaftlhuber", die ASH ein „Stachanow-Betrieb". Wir haben die Arbeit tatsächlich nicht gescheut und sind von jeher mit dem Anspruch aufgetreten, gerade die notwendige Arbeit so zu organisieren, daß sie unseren Bedürfnissen entspricht. Sie muß in die Qualität zurückgeführt werden, die sie früher mal gehabt hat: als notwendig akzeptiert und durchgeführt, gleichzeitig aber ständiger Gegenstand der eigenen Überlegungen und Experimente und damit Quelle für Selbstverwirklichung und Selbstbewußtsein.
Nur: in der Praxis kommt es uns nach wie vor manchmal recht hart an, und damals war es besonders schlimm, und dann können solche zynischen Kommentare bös wehtun. Mittlerweile hat sich das glücklicherweise gelegt. „Größenwahnsinnig" waren wir zusehens weniger, je deutlicher wurde, daß wir es tatsächlich schaffen würden. „Geldscheffler" wollten wir ja auf keinen Fall sein und jede Möglichkeit zu einer solchen Entwicklung am liebsten ausschließen. So wurde ein Verein gegründet, der sich unter dem Namen „Hilfe zur Selbsthilfe e.V. " um die sowieso gemeinnützige Landschaftsgestaltung kümmert und darüberhinaus die eigentliche Aufgabe hat sicherzustellen, daß die Krebsmühle in Zukunft nur noch in Selbstverwaltung betrieben wird, egal welche Betriebe dort auch immer wirtschaften und welche Personen das immer sind, die dort wirtschaften. Wir haben einen neuen Mietkaufvertrag gemacht, in dem der Verein zum Besitzer der Krebsmühle wird. Wir haben uns damit der einzigen echten Wertschöpfung, die der Betrieb leisten kann, beraubt: der „Vermögensbildung" durch den Kauf und die Wertsteigerungen durch Bodenpreiserhöhungen und unsere Ausbauleistungen. Wir haben uns selbst enteignet. Geld interessiert uns nicht. Rente interessiert uns nicht. Sicherheit in diesem Sinne interessiert uns nicht. Unsere Sicherheit liegt in uns selbst, in dem Vertrauen zueinander, in unserer Fähigkeit, die Gruppe lebendig und flexibel zu halten, attraktiv auch für kommende Generationen. Unser Anspruch, hier alt werden zu können, wird hart genug erarbeitet, unsere Sicherheit später nicht in's Altersheim abgeschoben zu werden ist eine lebendige Sicherheit, sind die Menschen um mich, die ich kenne, bei denen ich mich geborgen fühle -- was ist dagegen ein Sparbuch mit ein paar zweifelhaften Zahlen?

Der Begriff vom „Stachanow-Betrieb" fand seine positive Kehrseite. Die ASH wurde bekannt für strikte Einhaltung von Zusagen, verbindlichen Umgang mit Terminen, zuverlässige Arbeit. Das half uns sehr; wir wurden immer häufiger für die Versorgung bei Großveranstaltungen herangezogen und konnten die Einnahmen aus diesen Gemeinschaftsaktionen auch verdammt gut brauchen, um die immer wieder auftretenden Konjunkturlöcher im Betriebshaushalt zu stopfen.
 
Ab hier zunächst Zwischenstopp: Baustelle
 
 
 
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Die Beschreibung erfolgt in 3 Abschnitten - vom Mittelalter über die ASH-Jahre bis heute.