Datum Letzte Änderung:
18. Juli 2017,  10:50


NAVTOP
 
 
+++ NACH DEM FEST IST VOR DEM FEST +++ FREUEN SIE SICH MIT UNS AUF UNSER NÄCHSTES GROSSES FAMILIENFEST +++ DAS SOMMERFEST 2017 FINDET AM 27. AUGUST STATT +++ GROSS UND KLEIN, FREUNDE, BEKANNTE, VERWANDTE SIND WIE IMMER GANZ HERZLICH EINGELADEN MITZUFEIERN +++  
 
navlinks
ASH - Auf dem Weg zum selbstverwaltetn Betrieb
Bonames: VOM ALTERNATIV- ZUM SELBSTVERWALTETEN BETRIEB
 
Wir waren hin und weg. Dass es sich um ein leeres, kahles Fabrikstockwerk handelte, dass es keine Heizung gab, dass es keinen Aufzug mehr gab und also alle Möbel über die Treppe hinauf- und später wieder hinuntergetragen werden mussten, dass die Fenster Gitterfenster und nur einfach verglast waren, dass im selben Gelände Autoschrottler zugange waren und der Innenhof also immer aussah wie ein Schrottplatz - all dies konnte uns nicht schrecken: Wir waren jetzt hier und würden auf diesem Gelände einen Betrieb aufbauen, von dem die ganze Welt sprechen würde, naja: mindestens ganz Frankfurt.
Teilansicht der Fabona-Schuhfabrik in Bonames. Der Innenhof. Hinter den Gitterfenstern im ersten Stock lagen ein Teil unserer Wohnräume sowie der Gemeinschaftsraum mit Küche.
Mitten im Winter begannen wir, Gipswände einzuziehen, notdürftig „Wohnungen" herzurichten (für Türen hat es über drei Jahre nicht gereicht; die Zimmer-Eingänge waren mit dicken Teppichen verhangen), fanden uns zwischendurch und abends eng vor einen Kohleherd aus Oma's Zeiten gekauert, Glühwein in den vor Kälte zitternden Fingern. Es hat nicht viel Zweck zu versuchen, die Lebensumstände der damaligen Zeit zu beschreiben. Sie sind für einen normalen Mitteleuropäer nicht vorstellbar.

"Wenn wir über den Winter kommen, haben wir´s geschafft"

Aber als dann im Frühjahr die Kälte nachließ, als die „Wohnung" soweit fertig war, der „Möbelbunker", wie wir unser Lager nannten, eingerichtet war und wir es sogar geschafft hatten, unseren Gemeinschaftsraum mittels einer Wand vom Eingang zum Lager abzutrennen und die Kunden nicht mehr durch unser Wohnzimmer hindurch zu den Möbeln mußten, da fühlten wir uns abends, nach Feierabend und gemeinsamem Spaghetti-Essen, manchmal wie Gott in Frankreich.
In diesen Phasen der Ruhe, wenn wir zusammensaßen, uns unser Bier gönnten, stritten und klönten, entstanden die Phantasien einer anderen Zukunft mit vielen Kollektiven, der allgemeinen Abkehr vom unnötigen Luxus, der menschlichen Arbeitsweise jenseits von Hierarchie und geklautem Leben.
 
 
Der Eingang zum Treppenhaus.
Unsere Räume lagen im ersten Stock.
Auf halber Treppe grüßte unser Geier von der Wand.
Hier entwickelten sich Vorstellungen von modellhaftem Betriebsaufbau, von der Überführung kapitalistischer Betriebe in die Selbstverwaltung, von autonomen Stadtteilen, in denen wieder gelebt und gearbeitet werden könnte.
Von hier aus zogen wir zu Uni-Teach-Ins und zur 1.Mai-Demo, mit eigenem Selbstbewußtsein: nicht Arbeitslose waren wir mehr, die notgedrungen irgendwas anstellten, um einigermaßen mit Würde am Leben zu bleiben. Sondern Arbeiter, die ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hatten und jetzt Schritt für Schritt darangingen, die inneren und äußeren Lebensbedingungen den eigenen Bedürfnissen entsprechend umzugestalten. ASH - das stand nicht mehr für Arbeitslosen-, das stand jetzt stolz für „Arbeiterselbsthilfe".
 
 
Na, nicht so ganz gelungen, dafür aber international - Beschriftung am Eingang zu unserem Stockwerk.
 
Wir hatten es in der Hand, einen Betrieb aufzubauen, der alle die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten nicht braucht, die in „normalen" Betrieben angeblich notwendig sind. Die Konkurrenz der Kollegen untereinander, das Prestigedenken, die Jagd nach Statussymbolen, die gegenseitige Abgrenzung, überhaupt Lohn - was soll das alles, wenn man gemeinsam arbeitet und aus ein und derselben Kasse lebt? Wozu privates Eigentum, warum nicht einen großen Wäscheschrank für alle? Warum Arbeitsteilung und Trennung von Hand- und Kopfarbeit, mit der doch nichts anderes bewirkt wird als die Spaltung und Hierarchisierung der Gesellschaft? Wozu jedem sein eigenes Auto, wenn man die Freizeit doch eh zusammen verbringt?

Nicht nur der eigene Lebensraum - die ganze Gesellschaft gehört verändert . . .

Ist das Leben, so wie es „normalerweise" angelegt ist, in den vorgefertigten Bahnen, in denen es „normalerweise" verläuft, nicht überhaupt sinnlos? Gibt es nicht überall bereits Einzelpersonen und Gruppen von Menschen, die aus diesem vorgekauten „Leben” aussteigen, die es nicht mehr zerstückeln lassen wollen in (entfremdete) Arbeit und (kommerzialisierte) Freizeit. Was ist das für ein “Leben”, äußerlich isoliert in den Hochhäusern der Schlafstädte, innerlich isoliert durch jahrzehntelang anerzogenes Mißtrauen, während 5 Tagen in der Woche täglich 10 Stunden damit beschäftigt, darauf zu warten, dass endlich Feierabend wird, um sich dann –ausgepumpt – vor die Glotze zu werfen oder draussen die sogenannte „Freizeit” zu konsumieren?
Damals kam die sogenannte „Sinnkrise” in aller Munde. Wir fühlten uns bestätigt, produzierten unsere erste Selbstdarstellungsbroschüre und einen Video-Film, mit dem wir das, was uns bewegte, nach außen tragen konnten. Wir suchten den Kontakt zu anderen Gruppen, veranstalteten einen Selbsthilfe„kongreß”, trafen uns regelmäßig mit Interessierten aus Gruppen, die wir darüber kennengelernt hatten, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu besprechen. Wir haben ganz schön rumgerödelt: Zusammen würden wir unübersehbar sein. Zusammen: das hieß gebündelte Power, das mußte anstecken. Nicht nur der eigene Lebensraum – die ganze Gesellschaft gehörte verändert.
. . . und immer mit Botschaft: Die ASH mit Flagge und Transparenten auf dem Grünen Jahrmarkt
Die Frankfurter waren in dieser Zeit ja wirklich noch sehr demonstrationsgewohnt: so was wie unseren Autocorso zum Abschluß des Selbsthilfekongresses aber hatten sie sicherlich bis dahin noch nicht gesehen. Aufbruchstimmung. Parolen über Lautsprecher und Megaphon. „Alle Betriebe in Selbstverwaltung!" hieß es da, und auch: „Die Sonne scheint, der Himmel lacht – das hat die ASH gemacht.” Wir fühlten uns als Teil einer frisch in Schwung gekommenen Bewegung.

Aus der Arbeitslosenselbsthilfe (ASH) wird die Arbeiterselbsthilfe (ASH)

In dieser Zeit gründeten wir unsere erste Zeitung. Den Zeitungstitel „ Wir wollen alles" der Frankfurter Spontis holten wir wieder raus aus der Versenkung, in die er bereits verschwunden war, und wandelten ihn um in „Wir wollen's anders". Damit wollten wir bewußt eine Brücke schlagen zwischen unserer Vergangenheit und dem neuen Ansatz für unsere Zukunft. In der „WWA" verarbeiteten wir unsere Erfahrungen mit der Entwicklung der Gruppe, unsere Eindrücke von den Reisen zu befreundeten Gruppen und Gruppentreffen quer durch Europa; hier setzten wir uns mit der linken „Scene" auseinander. Hier propagierten wir unsere Aufbau-Vorstellungen. Und hier verabschiedeten wir uns ein knappes Jahr später von der „Alternativbewegung".
 
 
 
"Vorwärts und nicht vergessen - Selbstverwaltung auch in Hessen"
(Grüner Jahrmarkt in Frankfurt)
Das war uns dann doch zu lasch. Treffen über Treffen, die sich – allen Wünschen und Vorsätzen zum Trotz – am Schluß doch immer als Familientreffen herausstellten, Plausch am Lagerfeuer, ohne dass man sich jemals auf ein gemeinsames Gesprächsthema hätte einigen können. Der Wunsch, „was zusammen zu machen", war wohl allgemein vorhanden. Warum hätte man sich sonst treffen sollen? Aber was das denn nun sein könnte, das, was man zusammen machen sollte: darüber herrschte noch nicht mal Unstimmigkeit, sondern schlimmer: es kam überhaupt nicht zur Entwicklung einer entsprechenden Phantasie. Zu unterschiedlich waren die Gruppen, zu unterschiedlich die Vorstellungen der einzelnen. „Alternativ" war damals das Modewort, wer irgendwas auf sich hielt, war auf die eine oder andere Weise „alternativ". Unter diesem Schlagwort einen gemeinsamen Veränderungsansatz konstituieren zu wollen, war einfach naiv. Wir haben relativ lange gebraucht, bis wir uns von diesem Wunschtraum verabschiedeten. Und wir haben dann einige Zeit gebraucht, die Enttäuschung zu verarbeiten. Seither haben wir die Bezeichnung „Alternativbetrieb" für uns strikt zurückgewiesen. Die Arbeiterselbsthilfe in Frankfurt ist damals zum selbstverwalteten Betrieb geworden.
Dies war mehr als eine Änderung des Prädikats. In den vielen Versuchen zum Aufbau einer Bewegung hatten wir zumindest eins gelernt: Deutlicher zu erkennen, was wir selbst wollten. Stärker als jemals vorher stand für uns der Betrieb im Vordergrund.
 
 
Vorher - nachher. Auch unsere Selbstdarstellung wird weniger "alternativ".
 
Die Uhrenfabrik Lip in Besancon, die geschlossen werden sollte, war von den Kollegen besetzt worden. Und das war das Neue: Die Kollegen begnügten sich nicht mit (nutzlosem) Protest, sondern nahmen ihre Produktionsmittel selbst in Besitz: Lip-Solidaritätsuhren wurden produziert, illegal über die Grenze gebracht und hier vertrieben. Maschinen, mit denen vorher Rüstungsgüter hergestellt worden waren, wurden einem sinnvollen Zweck zugeführt: auf ihnen wurden neue Produkte, u.a. Spielzeug produziert. Und das Leben wurde in die Fabrik zurückgeholt: eine Volksküche wurde errichtet, in der auch die Arbeitslosen der Umgebung verpflegt werden konnten, die Frauen und Kinder waren mit in der Fabrik. Es waren einfach ungeheuer viele Entwicklungen und Ansatzpunkte der gleichen Art, wie wir sie bei uns auch erlebten. Zudem: der Lip-Besetzung waren andere Betriebsübernahmen gefolgt, das Beispiel begann, Schule zu machen. Was für eine Idee, sich vorzustellen, dass jetzt von den Arbeitern, von den Fabriken her, also von dort, wo unser ursprünglicher Ansatz gewesen war, der Impuls für ein anderes Leben vorangetrieben werden könnte.

Betriebe in Selbstverwaltung!

Welch tolles Gefühl, jetzt nicht wie früher mit leeren Händen dazustehn, keine Antwort zu wissen auf Fragen der Art, „wer denn noch zur Arbeit kommen würde, gäbe es keine Vorgesetzten" oder dass „man ja doch keine 5 Deutschen unter einen Hut" brächte; sondern was vorzeigen zu können, wie mickrig auch immer.

Es war - neben der durch das Wachstum der Gruppe bedingten erneut heraufziehenden Raumnot – vor allem dieser Impuls, der uns nach neuen Räumen Ausschau halten ließ. Die Fabona-Schuhfabrik in Bonames würde sich von uns nie so gestalten lassen, wie wir das für den Vorzeigebetrieb unserer Phantasie machen wollten und mußten. Die Autoschrottler hielten nichts davon, den Innenhof vom Schrottplatz in Lebensraum zu verwandeln, schon garnicht, ihn einen Treffpunkt für den Ort werden zu lassen. Die drei griechischen Familien im anderen Gebäudeteil winkten nur müde ab und wollten ihre Ruhe haben. Ein Sturm brach einen morschen Ast vom Baum, der ein Gebäude ganz zerstörte: Niemand machte sich die Mühe, die Trümmer zu beseitigen. Das Gelände war preisgegeben, die Gebäude zum Abriss bestimmt. Wir alle waren nur noch geduldet.

Auf der Suche nach einem neuen Standort

Der erste Anlauf geriet zum Fiasko: wir hatten eine angesehene Frankfurter Maklerfirma mit der Suche nach einem geeigneten Gebäude beauftragt, das wir am liebsten kaufen würden. Die Firma fand auch prompt eine „Perle”: ein dreistöckiges Gebäude in Frankfurts Industriegebiet an der Grenze zu Offenbach, unmittelbar am Main. Wir waren begeistert, glaubten nicht daran, dass jemals jemand mit uns den Kaufvertrag für ein so schönes Haus unterzeichnen würde, grübelten, wo wir in diesem unwahrscheinlichen Fall die 100.000.- Mark hernehmen sollten, die uns als Eigenkapital an der notwendigen Finanzierung fehlten und glaubten dem Makler nur zu gern, der versicherte, er werde auch das für uns regeln. Es war nicht zu fassen: der Kaufvertrag wurde unterzeichnet. Großer Jubel. Und Ängste: die Kaufsumme ist zum bestimmten Termin fällig; was, wenn’s der Makler mit der Finanzierung bis dahin nicht schafft? Aber von dort kam immer wieder Beruhigendes: „nun ja, diese Bank hat abgelehnt, aber ich habe da noch Kontakte zu jener anderen ...” - Oh Mann! Hat der Typ uns über den Tisch gezogen. Denn vorab natürlich schon die Provision kassiert. Bei Kaufvertragsabschluß fällig. Satte 36.000.- Mark. Das waren bei uns damals die Umsätze von zwei Monaten. Es kam, wie es kommen musste: Am Schluss waren wir noch froh, dass der Hausbesitzer uns nicht in den Konkurs klagte, sondern mit der Auflösung des Vertragsverhältnisses einverstanden war - gegen Erstattung der Kosten, versteht sich. Danach waren wir um eine Erfahrung klüger. Ein halbes Jahr lang war das Thema Projekt-Suche tabu. Wir „besetzten" das heruntergekommene und zum Teil einsturzgefährdete ehemalige Fabrikanten-Wohnhaus und richteten dort ein Cafe ein. Wir säuberten den Garten von Gerümpel und veranstalteten dort ein „Stadtteil-Fest". Aber das war's alles nicht. Wir blieben unzufrieden. Die Stimmung war gereizt. Zudem verdichteten sich Gerüchte über den bevorstehenden Verkauf des Geländes. Von Eigentumswohnungen war die Rede, die danach hier entstehen würden.
Ein Gartenfest in Bonames
 
mit "Klaus, dem Geiger"
 
     
 
 
. . . selbstverständlich mit Information und WWA-Verkauf
 
     
 
 
. . . teilweise skeptisch beäugt
 
     
 
 
. . . mit viel alternativem Lebensgefühl . . .
 
     
 
 
. . . aber eher wenig Frequenz der Normalbervölkerung.
 
Jetzt ging eine Zeit hektischer Suche los. Zeitweilig waren zwei von uns täglich unterwegs, um ein geeignetes Objekt zu finden. Makler kam ja nicht mehr in Frage. Ein, zwei Objekte erwiesen sich als zu teuer, andere waren zu verfallen. Zudem gab es Grundsatzstreit über den Standort: die einen wollten rein in die Stadt, die anderen möglichst weit draußen bleiben.
Ein letzter Blick zurück in diese Zeiten: Unser Café TuWas, das erste "Zentrum für Selbstverwaltung", im Hinterhof der Bonameser Schuhfabrik.
 
 
 
NavRechtsHistorie
Die Beschreibung erfolgt in 3 Abschnitten - vom Mittelalter über die ASH-Jahre bis heute.